Ein Trauerspiel: Wie in
den USA mit indianischer Souveränität umgegangen wird
Ward Churchill
Obwohl die Unterdrückung indigener Souveränität durch verschiedene Nationalstaaten ein sowohl strittiges wie auch allgegenwärtiges Problem des späten 20. Jahrhunderts darstellt, sind seine wesentlichen Aspekte relativ wenig bekannt. Am Beispiel der USA zeichnet der Autor die verschlungenen Wege der Rechtsgeschichte nach, in deren Verlauf es den Kolonialmächten gelungen ist vorzuspiegeln, dass sie indigene Selbstbestimmung unterstützen, obgleich sie eigentlich alles daransetzen, diese zu leugnen und aufzuheben.
Die Tschukotka:
Zur Illustration der Ureinwohnerfrage in Russland
Yvon Csonka
Die Situation der Ureinwohner Russlands wird hier anhand der Tschukotka, insbesondere der Tschuktschen und Eskimos, erläutert. Letztere gehören zu den (numerisch) “kleinen Völkern”, so von den Sowjets bezeichnet, die in ihnen vor allem die Empfänger von sogenannten Entwicklungsmassnahmen sahen. Eine geschichtliche Behandlung der Fragestellung drängt sich insofern auf, als besagte Vergangenheit sich stark auf die heutige Situation auswirkt. Wie die lückenhafte Gesetzgebung klar aufzeigt, ist der Zentralstaat inzwischen durch eine Politik der wirtschaftlichen sowie allgemeinen Vernachlässigung der Ureinwohnerfrage gekennzeichnet. Obwohl die seit kurzer Zeit auftretende “Rückkehr zur Tradition” in erster Linie wirtschaftlicher Not gehorcht, zeigt sie auch kulturelle Tendenzen auf. Der Indigenenbewegung fehlt es an Mitteln, der nötigen Erfahrung und einem klaren Konzept, um politisch Gewicht zu erlangen. Die Vorschläge der pro-indigenen russischen Intelligenzija sind pragmatisch, aber geben kurzfristig kaum Anlass zu Optimismus.
Ureinwohner in Taiwan
Fiorella Allio
Die bis dato kaum bekannte austronesische Bevölkerung Taiwans (380 000 Personen) gliedert sich in ein Dutzend nicht chinesisch sprechende ethnische Gruppen, die seit 350 Jahren gegen die massive Kolonisierung der Insel durch die Chinesen und die damit verbundenen Assimilierungsversuche verschiedener politischer Regimes Widerstand leisten. Dank der politischen Liberalisierung und dem Auftreten zahlreicher neuer sozialer Bewegungen hat sich die Indigenenbewegung innerhalb der letzten zehn Jahren gefestigt. Die vor allem auf institutioneller und budgetärer Ebene errungenen Reformen haben jedoch noch nicht zu einer Verbesserung der prekären Situation der Ureinwohner im Bereich der Grundrechte und Lokalwirtschaft geführt. Genausowenig erlauben sie den Ureinwohnern, ihr soziokulturelles Anderssein zu bewahren.
Orang Asli und Malais:
Gleichheit und Bodenrechte für die Ureinwohner Malaysias
Patrick Sullivan
In der auf internationaler Ebene geführten Debatte über die Rechte von Ureinwohnervölkern werden zwei grundsätzliche Argumente gegenübergestellt. Auf der einen Seite wird das Selbstbestimmungsrecht ausschliesslich Staaten zugestanden, während indigene Rechte als eine Frage von Nichtdiskriminierung behandelt werden. Auf der anderen Seite geht man davon aus, dass indigene Völker - wie alle anderen Völker auch - das Recht auf Selbstbestimmung beanspruchen können. In Malaysia ist die Debatte allerdings noch nicht so weit vorangeschritten. Dort spricht man den Orang Asli sowohl das Selbstbestimmungsrecht als Ureinwohner der malaiischen Halbinsel als auch ihre Rechte als Bürger von Malaysia ab. In seinem Versuch, die Ursachen für diese Situation festzustellen, untersucht der Autor u.a. die Frage des indigenen Bodenrechts.
Das Gesetz über indigenes
Bodenrecht (Native Title Act) und das Fortdauern kolonialer Bedingungen
in Australien
Jason Behrendt
Diese juristische Betrachtung des Native Title Act geht von dem berühmten Mabo-Urteil des Obersten Gerichtshofs von Australien im Jahre 1993 aus, in dessen Folge die australische Bundesregierung besagtes Gesetz verabschiedete. Das Mabo-Urteil wies die terra nullius-Doktrin zurück und erkannte indigenes Bodenrecht an. Der Autor argumentiert, dass das Urteil eine einmalige Gelegenheit bot, die Beziehungen zwischen Aborigines und der australischen Siedlerbevölkerung neu zu überdenken. Im Prinzip könnte der Native Title Act einen solchen konstruktiven Prozess erleichtern. In Wirklichkeit macht das Gesetz jedoch die Kolonialbeziehungen weiter geltend, indem es die Annehmlichkeiten, welche nicht-indigenen Australiern dank dem terra nullius-Prinzip zukamen, weiterhin absichert.
Kanaken als Ureinwohner
Neukaledoniens und indigene Identität
Nicolas Guillemard
In diesem Aufsatz wird beschrieben, wie sich die kollektive Identität der Kanaken konstitutiert hat und auf welche Weise sich die Ureinwohner Neukaledoniens auf der Basis des Erstbewohner-Prinzips gruppierten. In vorkolonialer Zeit war letzteres Prinzip von grundlegender Bedeutung für die Art und Weise, in der sich die verschiedenen Kanaken-Gemeinschaften organisierten. Während das Kolonialregime den Kanaken ihre territorialen Rechte nahm, bot es ihnen gleichzeitig den institutionellen Rahmen und die historischen Mittel, eine gemeinsamen Kultur herauszubilden und einzufordern. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Berufung auf das Bild des Erstbewohners ein Mittel zur Mobilisierung im Hinblick auf die Unabhängigkeitsforderungen der Kanaken geworden.
Die Auswirkungen des La
Grande-Wasserkraftwerks auf die indigenen Gemeinschaften
Pierre Senécal und
Dominique Égré
Dieser Aufsatz beschreibt zusammenfassend die Tragweite des Baus und des Betriebs vom La Grande-Wasserkraftwerk und der damit verbundenen Vertragswerke auf die indigenen Gemeinschaften (Cree, Inuit, Naskapi). Er stützt sich in erster Linie auf verschiedene allgemeine und sektorielle Untersuchungen, die auf der Basis von seit den siebziger Jahren unternommenen Ermittlungen über die Folgeauswirkungen des La Grande-Komplexes zusammengestellt wurden. Die Autoren beschreiben zunächst, wie sich die für das Wasserkraftwerk notwendige Infrastruktur und der Bau von Zubringerstrassen auf die biophysische Umwelt, insbesondere die Fauna, ausgewirkt haben. Anschliessend befassen sie sich mit den Folgeerscheinungen, die innerhalb der Ureinwohnergemeinschaften selbst festzustellen sind, sowohl im Bereich von Wirtschaft, Beschäftigung und Verwaltung als auch als Auswirkungen psychosozialer und kultureller Natur.
Kleinhandel in Trois-Rivières:
Indianer und Franzosen, 1665-1667
Jan Grabowski
Dieser Aufsatz befasst sich mit einem Gerichtsprozess, der im Jahre 1667 in Trois-Rivières stattfand, zu einem Zeitpunkt, an dem die Kolonialjustiz anfing, sich näher mit dem Verkauf von Alkohol an Indianer zu beschäftigen. Obwohl nur eine Momentaufnahme, betrifft dieser Aufsatz ein weitgefasstes Thema, nämlich die Beziehungen zwischen Franzosen und Indianern. Der Autor stützt sich auf die Annahme, dass der Kleinhandel, an dem zahlreiche Indianer und Einwohner von Trois-Rivières beteiligt waren, ein wichtiger Aspekt in der Herausbildung des gegenseitigen Einvernehmens zwischen beiden Bevölkerungsgruppen war. Im Gegensatz zum Pelzhandel bezog der Kleinhandel anstatt der mächtigen Händler und ihrer Mittelmänner in erster Linie die Bewohner von Trois-Rivières, inklusive Frauen, Freiwillige und Dienstboten, ein. Die Indianer lieferten ihren französischen Handelspartnern nicht nur Pelze, sondern auch Handwerk und Nahrungsmittel. Anhand der Prozessakten ist es möglich, ein allgemeines Phänomen untersuchen, nämlich den kulturellen Austausch zwischen der Kolonialgesellschaft und den indianischen Gemeinschaften.
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Die erste interkulturelle
Allianz: Die Begegnung zwischen Franzosen und Montagnais in Tadoussac im
Jahre 1603
Camil Girard und Edith Gagné
Die Autoren untersuchen zuerst, was die Geschichtsschreibung zur historischen Begegnung zwischen Franzosen und Indianern in Pointe Saint-Mathieu bei Tadoussac am 27. Mai 1603 überliefert hat. Anschliessend beschreiben sie die Anwesenden und was anlässlich dieser Begegnung passierte. Anhand von verschiedenen Aufträgen und Patenturkunden untersuchen sie dann die sich wandelnde Manier, in der Frankreich seine neuen amerikanischen Territorien zu verwalten gedachte. Zum Schluss wird die Bilanz dieser Begegnung gezogen, welche mit grosser Wahrscheinlichkeit als allererste Allianz zwischen Franzosen und Indianern aufgefasst werden kann.
Der Rechtsstatus der Indianer
zur Zeit der Eroberung: Die Valladolid-Debatte (1550) und die Vorschläge
Vitorias
Roxana Paniagua Humeres
Dieser Aufsatz befasst sich mit der Debatte über den Rechtsstatus der Indianer zur Zeit der Eroberung Amerikas. Zunächst werden Vitorias Behauptungen über die Notwendigkeit einer Gesetzgebung zu einer geregelten Kolonisierung der Neuen Welt betrachtet. Anschliessend folgt ein Überblick über die Valladolid-Debatte, die im Jahre 1550 zwischen Bartolomé de las Casas und Ginés de Sepúlveda stattfand, mit besonderer Berücksichtigung ihres historisch-politischen Kontexts im Zusammenhang mit der Neuordnung der europäischen Staaten. Las Casas spricht sich für eine friedfertige Evangelisierung aus, ergreift Partei für die Indianer und ist gegen den Eroberungskrieg. Im Gegensatz dazu ist Sepúlveda gegen eine friedfertige Evangelisierung eingestellt und rechtfertigt den Eroberungskrieg auf der Basis der Aristotelischen Theorie über Barbaren. Die Autorin unterstreicht, dass diese Debatte im Zentrum der Diskussionen über die Ausarbeitung von Indianergesetzgebungen steht.
Indigene Völker als
Opfer von Rassismus und Diskriminierung: ein Blick über die Chartas
hinweg
Pierre Lepage
Unabhängig von Einzelfällen
befasst sich der Autor mit Diskriminierung als System. Er behauptet, dass
Diskriminierung, die Ureinwohner betrifft, einen spezifischen Charakter
hat, die von der gegen andere Gruppen (Frauen, Behinderte, sog. sichtbare
Minderheiten) zu unterscheiden ist. Er stützt sich auf die weitreichende
UNO-Studie von Martínez Cobo und auf das Ergebnis eines UNO-Seminars.
Im zweiten Teil seines Aufsatzes versucht der Autor darzulegen, wie ein
bestimmtes wirtschaftliches Entwicklungsmodell unterschwellig Rassismus
und Diskriminierung fördern kann, und wie bestimmte Gesetze betreffend
Fauna, Jagd und Fischfang für Ureinwohner diskriminierende Auswirkungen
haben können.
Erste Bilanz der Konvention
über Ureinwohner-und Stammesvölker (Nr. 169)
Lee Swepston
Der Autor zieht eine positive Bilanz der vor fünf Jahren von der Internationalen Arbeitsorganisation angenommenen Konvention über Ureinwohner- und Stammesvölker (Nr. 169). In seiner detaillierten Beschreibung des Textwerks befasst er sich in erster Linie mit der Frage der Anwendung von internationalen Konventionen und dem Überwachungsmechanismus der ILO. Er kommt zum dem Schluss, dass die Konvention Nr. 169 ein entscheidender Schritt in der Ausarbeitung internationaler Rechtsnormen über die Rechte von Ureinwohner- und Stammesvölkern ist, da ihre Ratifizierung bereits positive Ergebnisse gezeitigt hat. Diese Art von Instrument trägt nach Meinung des Autors dazu bei, einen Minimumstandard für Regierungen und internationale Organisationen festzulegen, während er gleichzeitig indigenen Völkern gewisse Werkzeuge gibt, mit denen sie ihre grundlegenden Rechte schützen können.
Landrechte indigener Völker
nach dem Völkerrecht
Pierre-Christian Labeau
Landrechte indigener Völker bilden sich im Völkerrecht heraus, obwohl man sie noch nicht als rechtlich verankerte und ausdrücklich formulierte Rechtsnormen betrachten kann. Ein Studium der Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofs und des Menschenrechtsausschusses, sowie der Bestimmungen der Konvention Nr. 169 der ILO und des UNO-Deklarartionsentwurfs über die Rechte indigener Völker zeigt, dass das Völkerrecht in nicht allzu ferner Zukunft den Ureinwohnervölkern erlauben wird, ein eigenes Grundrechtssystem innerhalb der staatlichen Rechtssysteme zu schaffen und an der Verwaltung und Nutzung der Ressourcen ihres Landes mitzuwirken.
Interpretationsprobleme
der Bestimmungen der Konvention Nr. 169 in Bolivien
Jorge Vacaflor
Der Autor untersucht den Anwendungsprozess der Konvention über die Rechte von Ureinwohner- und Stammesvölker (Nr. 169) von 1989 in Bolivien. Er meint, dass der Entwurf eines auf höchster Ebene gesetzlich zu verabschiedenden Dekrets nicht dazu geeignet war, die Bestimmungen im staatlichen Rahmen nutzbar zu machen. Weiterhin behauptet er, dass eine Verfassungs- und Gesetzesreform Voraussetzung für die effektive Umsetzung der Konvention sowie die Achtung für die Rechte indigener Völker in Bolivien ist.
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Die internationale Ureinwohnerdekade
Russel L. Barsh
Gegen Ende des Internationalen Ureinwohnerjahres erklärte sich die UNO-Vollversammlung im Prinzip damit einverstanden, ein denselben Bevölkerungsgruppen gewidmetes Jahrzehnt auszurufen. Was konnte man realistisch von einer solchen Dekade erwarten, in Anbetracht des enttäuschenden Ergebnisses des Internationalen Jahres, der sich wandelnden geopolitischen Rolle der UNO sowie ihrer schrumpfenden finanziellen Mittel? Der Aufsatz beschreibt die Hauptanliegen der Internationalen Ureinwohnedekade: der Ausgang des laufenden Projekts einer Erklärung der Rechte indigener Völker; der Vorschlag, eine “permanente Instanz” für indigene Völker innerhalb der verschiedenen Entscheidungsgremien der UNO einzurichten; die Sichtbarkeit und Mitbeteiligung von Ureinwohnervölkern unter sämtlichen Aspekten der UNO-Arbeit; der Gebrauch von Mitteln der internationalen Gemeinschaft zur Lösung von Problemen, mit denen Ureinwohnergemeinschaften konfrontiert sind.
Die UNO-Studie über
Verträge zwischen indigenen Völkern und Staaten
Isabelle Schulte-Tenckhoff
Die zur Zeit laufende Studie über “Verträge, Übereinkommen und andere konstruktive Abmachungen” zwischen indigenen Völkern und Staaten bringt zwei unterschiedliche Auffassungen ins Spiel. Beide tragen zur internationalen Debatte über den Status von Ureinwohnervölkern und ihre zukünftigen Beziehungen mit Staaten, in denen sie inwischen leben, bei. Ohne dem endgültigen Ergebnis vorzugreifen, liefert die Autorin eine erste Untersuchung der bereits vorliegenden Berichte, deren Zielsetzung, Perspektive und institutionellen Zusammenhang sie beschreibt.
Die Kluft zwischen der
Konvention Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation und dem kanadischen
Recht
Renée Dupuis
Die Autorin beschreibt bedeutende Unterschiede zwischen der Konvention über Ureinwohner-und Stammesvölker (Nr. 169), die im Jahre 1989 von der Internationalen Arbeitsorganisation angenommen wurde, und dem kanadischen Recht. Besagte Konvention führt neue, im Völkerrecht bis dato nicht vorgesehene Bestimmungen ein, welche mit grundsätzlichen Elementen des kanadischen Rechts im Widerspruch stehen. Aus diesem Grund meint die Autorin, es sei angesichts der aktuellen Rechtslage kaum wahrscheinlich, dass Kanada die Konvention ratifiziert.
Die Interamerikanische
Menschenrechtskommission und indigene Völker
Carole Hilling
Die Autorin setzt sich mit den Errungenschaften der Interamerikanischen Menschenrechtskommission zum Schutz von Ureinwohnerrechten auseinander. Sie untersucht allgemeine und spezielle Berichte der Kommission. Obwohl es zur Zeit kein juristisches Instrument gibt, welches die Rechte von indigenen Völkern spezifisch schützt, ist die Kommission dazu veranlasst worden, sich mit solchen Rechten im Rahmen ihrer Kompetenzen auseinanderzusetzen, insbesondere in Brasilien, Nikaragua und Guatemala. Die Bilanz dieser Aktivitäten ist nicht unbedingt positiv. Allerdings gibt die Ausarbeitung internationaler Normen in Bezug auf Ureinwohnervölker in Zukunft zu Hoffnung Anlass, sowohl auf internationaler wie auch auf regionaler Ebene. Innerhalb der Organisation Amerikanischer Staaten sind Nichtregierungsorganisationen am interamerikanischen Fallrecht mehr und mehr beteiligt, insbesondere durch ihre Interventionen als Sachverständige am Interamerikanischen Gerichtshof.
Das Projekt eines unabhängigen
Indianerstaats zu Ende des 18. Jahrhunderts und der Jay-Vertrag
Rémi Savard
Obwohl der Vertrag von Paris (1783) die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und der Kolonie von Kanada regelte, hielt die Krone an ihren Forts auf amerikanischem Gebiet fest. Auf diese Weise hatten die Briten weiterhin Zugang zu den Pelzvorkommen, während die Indianer auf britische Waffen zählen konnten, um sich gegen Invasionen zu wehren. Die Position war unhaltbar. London schlug daraufhin die Schaffung eines neutralen und unabhängigen indianischen Pufferstaats im Süden der Grossen Seen vor. Die amerikanischen Unterhändler waren dagegen, aber sie mussten bei der Unterzeichnung des Jay-Vertrags (1794) Klauseln akzeptieren, die nach ihrem Geschmack noch zu sehr von der Anerkennung der internationalen Rechtspersönlichkeit der Indianervölker gefärbt war.
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Zwanzig Jahre enttäuschte
Hoffnung
George Erasmus
In einem ersten Text zieht
der Vorsitzende der Assembly of First Nations eine Bilanz über zwanzig
Jahre von Forderungen und Kämpfen der Ureinwohner Kanadas. Der Autor
legt dar, dass die First Nations-Bürger die Hoffnung hatten, am Aufbau
eines kanadischen Staates mitzuwirken, welcher ihre Vision miteinbeziehen
würde. Als “zweierlei Mass rassistischen Zuschnitts” beschreibt er
das Unternehmen des kanadischen Premierministers, in der Verfassungsdebatte
eine Allianz mit Québec, aber nicht mit den Ureinwohnern zu suchen.
Der Autor verurteilt ausserdem, dass die konservative Regierung viele politische
Versprechen nicht eingehalten hat. So zeigt er auf, dass Einschnitte im
Erziehungsbudget zu unsinnigen und für Ureinwohner frustrierenden
Situationen geführt haben.
Der zweite Text beschreibt
die Lösungen, mit denen Erasmus die Probleme von Kanadas Ureinwohnern
anzugehen gedenkt. Er glaubt, dass die Regierung im Endeffekt auf die indigenen
Vorschläge eingehen wird und schlägt eine Form politischer Autonomie
vor, welche Ureinwohner-Regierungen mit Machtbefugnissen ausstatten würde,
die denen der Provinzen vergleichbar sind.
Die Anerkennung der Grossen
Friedensgesetzes: Traditionelle Auffassungen von Rechtspflege in der Mohawk-Nation
von Kahnawake
E.J. Dickson-Gilmore
Dieser Aufsatz setzt sich mit dem Rechtspflegeprojekt der traditionalistischen Mohawks in Kahnawake auseinander. Die Autorin untersucht die Traditionen, die in dieses Projekt einfliessen sollen, sowie die Schwierigkeiten, die sich aus der Einbindung solcher Traditionen an einem ihnen fremden Ort und in einem anderen historischen Kontext ergeben. Nachdem sie einen Überblick über die verschiedenen Standpunkte, die es dazu in Kahnawake gibt, geliefert hat, fragt sich die Autorin, inwieweit dieses Projekt eines zeitgenössischen autonomen Justizsystems in Kahnawake überhaupt zu verwirklichen sei. Sie kommt zu dem Schluss, dass es unrealistisch wäre zu glauben, dass in Kahwawake Einstimmigkeit über diese Frage herrschen muss. An einer gewissen Dosis von Meinungsverschiedenheiten kann eine Gesellschaft nur wachsen, und dies muss im Hinblick auf Autonomie - ein Ziel, welches “Konservative” wie “Traditionalisten” gleichermassen verfolgen - in Betracht gezogen werden.
Töpferei, Ethnizität
und die Irokesen aus dem Sankt-Lorenz-Tal
Claude Chapdelaine
Der Autor untersuchte von Irokesen aus dem Sankt-Lorenz-Tal hergestellte Tonwaren, um die besonderen Merkmale dieser Gruppen gegen Ende der prähistorischen Epoche zu bestimmen. Zur Unterstützung der ethnischen Erkennung der Sankt-Lorenz-Irokesen werden Tonwaren der Irokesen aus dem Mohawk-Tal herangezogen, und die grundlegenden Unterschiede zwischen beiden werden ausgeführt. Der Autor folgert, dass unterschiedliche Stile in der Töpferei ein wertvolles ethnisches Erkennungsmerkmal darstellen, anhand dessen die Kulturidentität der Sankt-Lorenz-Irokesen klar hervortritt.
Haben die Mohawks Jacques
Cartier entdeckt?
Pierre Trudel
Mohawks, die die Sekundarschule
von Kahnawake besuchen, lernen aus ihrem Geschichtsbuch, dass ihre Vorfahren
im Jahre 1535 in Montréal lebten und dort Cartier anlässlich
seines kurzen Aufenthalts trafen. An den Hochschulen von Québec
wird gelehrt, dass Cartier eher mit Irokesen aus dem Sankt-Lorenz-Tal zu
tun hatte, während die Mohawks zu jener Zeit weiter südlich im
jetzigen Staat New York lebten. Wie kann man diesen Widerspruch zwischen
archäologische Funden und mündlicher Mohawk-Überlieferung
erklären?
Im Anschluss an eine Zusammenfassung
von Bruce Triggers Erklärung zum Verschwinden der Irokesenbevölkerung
aus dem Sankt-Lorenz-Tal und dem Inhalt des Mohawk-Geschichtsbuches stellt
der Autor die Debatte in Zusammenhang mit der Oka-Krise. In deren Verlauf
wurde behauptet, dass die Mohawks keine Territorialrechte in Québec
hätten, da sie erst nach Eintreffen der ersten französischen
Siedler nach Neu-Frankreich gekommen wären.
Die christianisierten
Irokesen der “Reduktionen” (1667-1770) 1. Teil: Migration und Beziehungen
mit den Franzosen
Denys Delâge
Dieser Aufsatz befasst sich
mit der Geschichte der christlichen Irokesen, die ab 1667 in der Gegend
von Montréal lebten, und deckt das darauffolgende Jahrhundert bis
zur amerikanischen Revolution ab. In diesem ersten Teil untersucht der
Autor zunächst die religiösen, sozialen und wirtschaftlichen
Beweggründe der Migration. Dann beschreibt er die Rolle der Irokesen
im Verhältnis zur Kolonie, ihr demographisches Gewicht und die Natur
ihres Austauschs mit der eurokanadischen Bevölkerung. Abschliessend
stellt er die Frage nach dem Status der angesiedelten Irokesen. Eine Untersuchung
der Konflikte im Handel mit Albany erlaubt die Schlussfolgerung, dass sie
eher Allierte als Untertanen waren, obwohl sie einem Unterwerfungsprozess
nicht ganz entgehen konnten.
Der zweite Teil des Aufsatzes
(der im nächsten Band erscheinen soll) befasst sich mit den Beziehungen,
welche die christianisierten Irokesen mit der Irokesenliga, den Briten
und anderen Ureinwohnernationen unterhielten.
Ein Irokesen-Dilemma:
Kämpfen für das Bündnis und sich verbünden für
den Kampf
Marie-Laure Pilette
Dieser Aufsatz untersucht die Zweideutigkeit des Friedensbegriffs der Irokesen im 16. und 17. Jahrhundert. Die historischen Umstände, die zur Gründung der Liga der Fünf Nationen führten, sind Beweis dafür, dass diese mit einer expansionistischen Ideologie sowie Krieg einherging. Daher ist die Zweideutigkeit des Irokesen-Friedens in einem tiefen Antagonismus zum Krieg verwurzelt. Eine kurze Betrachtung des warrior-Phänomens bei den zeitgenössischen Mohawks soll darlegen, dass dieser Antagonismus auch heute noch Gültigkeit hat.
“Aufruhr in Oka”, oder
die Geschichte eines Widerstands (1760-1945)
Serge Laurin
Der Autor verfolgt die Geschichte der Indianer zurück, die sich auf der Basis ihrer Rechte als Ureinwohner sowie der Versprechungen der europäischen Kolonialmächte weigern, auf die Lehnsherrschaft vom Lac-des-Deux Montagnes, welche sie als ihr Eigentum betrachten, zu verzichten. Die ersten Zusammenstösse zwischen Sulpizianern und Indianern gehen auf die Zeit direkt nach der Eroberung zurück. Im Verlauf der hier untersuchten Zeitspanne versuchten die Indianer manchmal, ihre Ansichten mit der Methode des fait accompli durchzusetzen, parallel zu juristischen und politischen Massnahmen.. Hinzu kommt, dass manche von ihnen vom Katholizismus zum Protestantismus konvertierten. Die Algonkin verliessen Montréal, um sich nach Maniwaki zu begeben. Nachdem die meisten Gebäude der Sulpizianer einem Brand zum Opfer fielen, welcher zwischen 1877 und 1880 zu einer Reihe von Prozessen führte, versuchten die Algonkin jedoch auch, die Mohawks zu verdrängen.
Die Oka-Krise im Lichte
der historischen Ökologie
Michel F. Girard
Dieser Aufsatz erzählt in grossen Zügen die Geschichte des ältesten aufgeforsteten Waldes in Québec. Dieser befindet sich in Oka, wo Mohawk-Krieger und die Polizei von Québec im Sommer 1990 aneinandergerieten. Der Autor zeigt auf, dass Eurokanadier und Mohawks in der Waldnutzung sowie in den jüngsten Bestrebungen zu seiner Erhaltung zusammengearbeitet haben. Im vorigen Jahrhundert kontrollierten die Mohawks den Zugang zum Gebiet; dieses ist ihnen aber dann nach und nach verwehrt worden. Im Jahre 1936 beschlossen die Sulpizianer ohne Absprache mit den Mohawks, das Land zu verkaufen. Im März 1990, nach der einseitigen Aufhebung eines Moratoriums betreffend die Erweiterung eines Golfplatzes in der Gemeinde von Oka blockierten Mohawk-Krieger den Zugang zum Gebiet. Der Autor meint, dass Umweltschützer und Indianer trotz der Oka-Krise in ihren Bestrebungen zum Waldschutz weiterhin zusammenarbeiten sollen.
Erst exotisch, dann alltäglich:
Rassismus
Carmen Michaud
Die Autorin untersucht den
Diskurs, der sich innerhalb von gesellschaftlich relevanten Institutionen
in Québec, ob politischen, juristischen, repressiven oder kulturellen
Zuschnitts, zur Zeit der Zusammenstösse mit den Mohawks im Sommer
1990 herausausbildete. Sie illustriert den Rassismus, der der herrschenden
Ideologie zugrundeliegt. Dieser führte während der Krise zu einem
extrem negativen Bild der Warriors, welches dann auf die Mohawk-Gemeinschaft
und in Assoziierung damit auf alle anderen Indianernationen projiziert
wurde. Auf diese Weise sollte über die von Indianern seit Jahrhunderten
erduldeten Ungerechtigkeiten hinweggetäuscht werden.
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